Der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher geht davon aus, dass die Mehrheit der Südtiroler dem italienischen Staat die Eigenständigkeit oder die Rückkehr nach Österreich vorziehen würden – die rechtlichen Rahmenbedingungen vorausgesetzt.

Der Brexit ist durch, die Briten wollen los von Brüssel. Denken Sie da auch an ein Los von Rom?
Die Euroskeptiker haben gewonnen. Das ist schlecht für Großbritannien, Europa und Südtirol. Wenn die völkerrechtlichen Voraussetzungen gegeben wären, wäre eine Eigenständigkeit nach dem Muster der mehrsprachigen Schweiz oder die Zugehörigkeit zu Österreich vorstellbar. Allerdings wären solche Szenarien im geltenden Rechtsystem nur mit Zustimmung Roms möglich und das ist alles andere als realistisch.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat bei einer Veranstaltung in Bozen das Selbstbestimmungsrecht Südtirols gefordert. Geben Sie ihm Recht?
Die Südtiroler haben dieses Selbstbestimmungsrecht schon. Denn dieses Recht ist ein unveräußerbares Recht aller Völker im Sinne der UN-Charta. Das ist aber nicht mit einem unmittelbaren Recht gleichzusetzen, jederzeit einen eigenen Staat zu gründen, Grenzen zu verschieben oder eine Sezession durchzuführen. Die Forderung Straches und Hofers ist deshalb sehr populistisch und zeugt eher von Unkenntnis des Völkerrechts.

Was wollen die Südtiroler selbst? Die Unabhängigkeit, die Autonomie, zurück zu Österreich?
Wenn es die realpolitischen und rechtlichen Voraussetzungen dazu gäbe – wie gesagt, würde das im geltenden System die Zustimmung Italiens voraussetzen – würde sich wohl eine Mehrheit der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung sowohl für die Option eines eigenen Staates als auch für jene, zurück zu Österreich, aussprechen. Bei den Italienern in Südtirol würde sich das wohl umgekehrt verhalten, auch wenn ihnen Minderheitenschutzinstrumente zugesichert würden. Das Szenario ist aber wegen der fehlenden Zustimmung Italiens ohnehin völlig unrealistisch. Wir tun sehr gut daran, den bisher äußerst erfolgreichen Weg der Autonomie weiter zu gehen und die europäische Perspektive einer Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino noch stärker ins Auge zu fassen.

 

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